Gesundheitsdienstleistung statt Designerjacke

31. Juli 2017

Welche medizinischen Innovationen werden das System verändern? Welche Bedeutung haben sie für Patienten und welche Art von Nachfrage ist damit in den kommenden Jahren verbunden? Wie kann ihre Finanzierung aussehen – wird alles nur teurer oder können manche Innovationen Gesundheitskosten senken? Und welche ethischen Fragen werfen sie auf?

Darüber diskutierten die Teilnehmer des dritten Luncheon Roundtables am 11. Juli in der Stiftung Münch.

Zu den Teilnehmern gehörten:

  • Prof. Dr. Matthias Anthuber, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie, Klinikum Augsburg
  • Prof. Dr. Thomas Meitinger, Direktor des Instituts für Humangenetik, Helmholtz Zentrum München
  • Dr. med. Surjo Soekadar, Leiter der Arbeitsgruppe angewandte Neurotechnologie, Klinikum Thübingen
  • Dr. Markus Dahlem, Co-Founder Newsenselab GmbH
  • Prof. Dr. Stefan Gattenlöhner, Direktor am Institut für Pathologie, Universitätsklinikum Giessen Marburg, Giessen

sowie von der Stiftung Münch Stephan Holzinger (Vorstandsvorsitzender), Eugen Münch (stv. Vorstandsvorsitzender), Professor Bernd Griewing (Vorstand), Professor Boris Augurzky (wiss. Geschäftsführer), Dr. Johannes Gruber (Geschäftsführer) und Annette Kennel.

 

Der technische Fortschritt wirkt sich immens auf die Möglichkeiten der modernen Medizin aus: ganze Genome können inzwischen schnell und kostengünstig analysiert und damit manche Erkrankungsrisiken vorhergesehen und Behandlungen personalisiert werden. Apps übernehmen ärztliche Aufgaben und bieten neue Therapiemöglichkeiten. Intelligente Prothesen bringen Extremitäten nach einer Lähmung über eine Schnittstelle zum Gehirn wieder zur Bewegung.

Das zunehmende Wissen um die Ursachen und individuellen Prädispositionen und Risikofaktoren führt dazu, dass Therapien immer „persönlicher“ werden können: sei es, dass die Entwicklung von Wirkstoffen an die persönlichen Charakteristika des Patienten angepasst wird. Sei es, dass die Wirksamkeit von vorhandenen Medikamenten bei einem Patienten vor dem Einsatz beurteilt werden kann. Oder zum Beispiel mit der Liquid Biopsie bei einem Teil der Tumore durch einen einfachen Bluttest frühzeitig ein Wiederaufflackern der Krebserkrankung nachgewiesen und entsprechend reagiert werden kann.

Damit einher geht eine Verlagerung des Fokus: Gesundheitsleistungen werden nicht mehr wie bisher am Ende einer Erkrankung einsetzen, sondern verstärkt an deren Beginn stehen. Mithin gewinnt Prävention an Bedeutung.

Doch so einfach ist es nicht immer, da nur in den wenigsten Fällen ein einzelnes Gen – oder eine Veränderung darin – verantwortlich für eine Erkrankung ist. In den meisten Fällen spielen verschiedene Faktoren eine Rolle – das kann ein Zusammenspiel mehrerer genetischer Faktoren sein, aber auch Umweltfaktoren und die individuelle Lebensführung. In diesen Fällen können lediglich statistische Aussagen getroffen werden. Dies wirft weitere Fragen auf: Was tun, wenn man mit einem Risiko von 70% an etwas erkranken wird – mit 30% aber nicht? Und wenn diese Krankheit im schlimmsten Fall ohnehin nicht behandelbar ist? Die Gesprächsteilnehmer waren sich in diesem Punkt einig: „Wer es wissen will, darf es wissen. Wer es nicht wissen will, muss es nicht wissen.“ Insgesamt solle man sich aber vor übersteigerten Erwartungen an die personalisierte Medizin hüten, warnte ein Teilnehmer: „Die molekulare Genetik ist zwar ein Versprechen, es ist jedoch noch nicht eingelöst.“ Ähnliches gelte im Übrigen auch für die Möglichkeiten, die sich aus der Hirnforschung ergeben.

Sind die neuen Methoden finanzierbar? Entlasten sie das Gesundheitssystem oder führen sie zu einer weiteren Kostensteigerung?

Grundsätzlich seien zwar Einsparungen bei einzelnen Gesundheitsausgaben möglich. Doch insgesamt werde die Versorgung teurer werden, so die Einschätzung der Teilnehmer. Zwar können einige Krankheiten nun früher und gezielter therapiert und dadurch durchaus Kosten

eingespart werden. Durch den Einsatz von Liquid Biopsy etwa entfallen aufwändige und kostenintensive Untersuchungen mit PET-CT, stationäre Aufenthalte und unter Umständen die Gabe von teuren Medikamenten, die beim vorhandenen Genotyp nicht wirksam sind. Auch die Prävention führt selbstverständlich zu Einsparungen bei Krankheitsbehandlung. So sehen Gynäkologen kaum noch Patientinnen mit einem Cervixcarzinom, seit der Abstrich regelmäßig kontrolliert und bei ersten Anzeichen die weitere Entartung der Zellen verhindert werde. Zudem sind viele der Eingriffe ohne stationären Aufenthalt möglich, was Kosten spart.

Doch Kosten können sich auch verlagern. Denn die Heilung oder Vermeidung einer Krankheit und das damit verbundene Überleben des Patienten schafft die Voraussetzung für künftige Erkrankungen – und damit neuen Gesundheitskosten. Dazu kommen die Kosten für die durchgeführten Untersuchungen und Therapien, die nun am Anfang stehen.

Einige Teilnehmer waren der Ansicht, dass die neuen Möglichkeiten zu einer Umschichtung der Nachfrage nach Gesundheitsleistungen führen werden. Bereits heute sind viele Verbraucher bereit, für geeignete Leistungen selbst zu zahlen und kaufen sich etwa Neurostimulatoren oder Apps, mit denen sie ihre Erkrankungen und relevante Parameter überprüfen können. „Der Trend wird dahingehen, dass die Menschen ihr Geld lieber für Gesundheitsdienstleistungen ausgeben statt für Designerjacken“, zeigte sich ein Diskutant überzeugt. Der Zuwachs der Nachfrage wird also nicht allein über die gesetzlichen Krankenversicherungen finanziert, sondern vielfach aus der eigenen Tasche der Bürger, die im Gegenzug auf andere Konsumgüter verzichten.

Wie finden die neuen medizinischen Angebote ihren Einzug in den Versorgungsalltag?

Das Gesundheitssystem tut sich schwer mit Veränderungen – ein altbekanntes Problem. Wie können sich neue Möglichkeiten, die sich durch Genommedizin, Apps,  Neurobiologie und Co. ergeben, durchsetzen? Problematisch erachteten die Teilnehmer der Diskussion, dass die Ärzte in vielen Fällen dafür nicht aufgeschlossen sind. „In Krankenhäusern haben Sie den Chefarzt, der an der OP-Methode festhält, die er beherrscht. Wenn der jüngere Oberarzt dagegen etwas Neues anwendet haben Sie das Problem, dass Sie zwei verschiedene OP-Siebe vorhalten müssen, was wiederum Aufwand und Kosten verursacht“, so ein Teilnehmer – abgesehen davon, dass er sich auch gegen den Chefarzt stellt. Niedergelassene Ärzte fehle ebenfalls die Mentalität, dass der Beruf ein lebenslanges Lernen erfordert. „Die Ärzte verlassen die Klinik und sind dann in der Routine so gefangen, dass kein Interesse und keine Zeit mehr für wirkliche Weiterbildung besteht.“ Da jedoch gerade die modernen Methoden der Medizin zu einer zunehmenden Ambulantisierung führen, müsse hier dringend etwas verändert werden. „Auch Forschung und Lehre an den Hochschulen müssen darauf ausgerichtet werden“, betont ein Diskutant.

Der Weg zum System führe über die Bevölkerung, also die Nutzer, zeigten sich die Teilnehmer überzeugt. „Relevant wird sein, was die „Kunden“ wünschen“, wurde es formuliert. Denn diese sind zunehmend gewöhnt, dass sich die Dienstleistungen ihren Ansprüchen anpassen, und sie haben eine höhere Anspruchshaltung. „Amazon richtet sich konsequent und bedingungslos an den Bedürfnissen seiner Kunden aus. Das muss auch das Vorbild für das Gesundheitssystem sein.“