Erste Impressionen

Um einen ersten Eindruck von der Vielfalt, Kompetenz und Verantwortung der Pflege zu erhalten, könnte man in Schweden beispielsweise die Internetseite www.1177.se besuchen oder die landesweite Telefonnummer 1177 wählen. Rund um die Uhr stehen Pflegende unter diesen Anschlüssen für Informations- und Beratungsgespräche oder auch Chats zur Verfügung, wenn etwa Kontaktinformationen von Gesundheitsanbietern gesucht, Hilfe für die pflegebedürftigen Angehörigen benötigt oder Informationen zum Thema Schwangerschaft und Geburt abgerufen werden sollen. Schon 2006 wurde dieses z. T. mehrsprachige Angebot in Schweden im Rahmen der IT-Strategie für Gesundheit und Pflege eingeführt. Pflegende nutzen die Digitalisierung, um ihre Aufgabe als Wegweiser im Gesundheits- und Sozialsystem zu erfüllen. Wer einen Termin in einem Gesundheitszentrum wünscht, kann diesen gleich am Telefon oder im Chat vereinbaren, denn die Pflegenden haben über eine zentrale Personenkennziffer direkten Zugriff auf die elektronischen Patientenakten eines jeden schwedischen Bürgers. Auf diese Weise können sie – falls dies gewünscht wird – auch den Besuch in den Versorgungseinrichtungen vorbereiten, indem sie den ärztlichen oder pflegerischen Kollegen in der Akte relevante Informationen aus dem Informations- und Beratungsgespräch hinterlassen.

Wer den Weg in das kleine niederländische Örtchen Noordwolde findet, hat die Gelegenheit, professionell Pflegende in einem ganz anderen Setting anzutreffen, nämlich auf einem Bauernhof. Wo sich einstmals ein klassischer Milchbetrieb befand, werden heute bis zu 70 Personen täglich betreut, darunter viele ältere pflegebedürftige und demenziell erkrankte Menschen. Sie helfen – jeder nach seinen Möglichkeiten – bei der Versorgung von Tieren, Hof und Garten und der Weiterverarbeitung der Milch. Daneben gibt es eine Holz- und Kunstwerkstatt, eine Eismanufaktur mit Verkauf, einen Kaffee- und Teeladen und einen Streichelzoo für Kinder. Festangestellte Helfer mit pflegerischem und sozialpädagogischem Hintergrund unterstützen die professionell Pflegenden, auch Ehrenamtliche aus den umliegenden Dörfern helfen mit. Auf diese Weise wird nicht nur die ländliche Gesundheitsversorgung gestärkt, sondern auch das Gemeinschaftsleben und die Nachbarschaftshilfe im ländlichen Raum organisiert. Die Arbeit des „Pflegebauernhofs“ wird durch das staatliche persönliche Pflegebudget der Patienten sowie durch ergänzende Leistungen der niederländischen Pflegeversicherung ermöglicht. Die Einhaltung definierter Qualitätskriterien und die kontinuierliche Weiterentwicklung des Konzepts sind für die in diesem besonderen Setting arbeitenden Pflegenden selbstverständlich.

Im schottischen Lothian, nahe von Edinburgh, will ein Pflegeheim besonders „CHIC“ sein, was sich aber nicht etwa auf die Ausstattung der Räumlichkeiten oder die Dienstkleidung der Pflegenden in diesem Heim bezieht. Vielmehr verbirgt sich hinter der Abkürzung ein pflegerisches Innovationszentrum (Care Home Innovation Centre), in dem Studierende der Pflege, der Medizin, der Sozialarbeit und anderer Fachrichtungen ihre gerontologisch-geriatrische und interprofessionelle Expertise weiterentwickeln können. Natürlich wird in dieser Lehrpflegeeinrichtung auch Forschung und Praxisentwicklung betrieben – alles im Interesse der Versor-gungsqualität und zum Wohle der Bewohner. Diese profitieren beispielsweise von einer höheren Lebensqualität, von weniger Notfalleinweisungen ins Krankenhaus, der Kompetenz und Zufriedenheit der Mitarbeiter und dem regelmäßigen Kontakt mit den jungen Menschen, die in dieser Einrichtung lernen und arbeiten.

Irgendwo in Schottland könnte man in der ambulanten Gemeindepsychiatrie eventuell auch auf Mary Docherty treffen. Die ehemalige Assistentin in der Physiotherapie hat ihren Weg in die Pflege über ein Förderprogramm des „NHS Education for Scotland“ (NES) gefunden, einer Abteilung des Nationalen Gesundheitsdienstes (NHS). Dadurch konnte sie ihr Pflegestudium berufsbegleitend absolvieren, finanziell und ideell unterstützt durch ihren damaligen Arbeitgeber. Solche Angebote zur beruflichen Umorientierung, die einen reibungslosen Einstieg in den Pflegeberuf ermöglichen sollen, sind in Großbritannien häufiger zu finden. Ergänzt werden sie mit durchlässigen Weiterbildungsmöglichkeiten, speziellen Förderinitiativen und auch Jobgarantien. Mary Docherty konnte durch diese Programme – unterstützt durch Universitäts- und Praxismentoren – nach ihrer Grundausbildung erweiterte Kompetenzen im Bereich der Therapie und Betreuung von Menschen mit Suchterkrankungen erwerben und anschließend eine entsprechende Expertenrolle in einem Team der Gemeindepsychiatrie übernehmen. Sie fühlte sich auf ihrem Weg in die Pflege (heraus-)gefordert und gefördert und das Team war froh über die Verstärkung durch eine lebenserfahrene, qualifizierte Kollegin.

Zwar haben sich Pflegende überall auf der Welt zu einer knappen Ressource entwickelt, zuweilen findet man auf Reisen in andere Länder aber auch Krankenhäuser oder Pflegeeinrichtungen, die auf Pflegende geradezu eine magnetische Anziehungskraft ausüben – darunter das Mount Sinai Hospital im kanadischen Toronto. Es ist eine der Einrichtungen, die den sogenannten Magnet®-Status erhalten haben, weil den dort arbeitenden Pflegenden ein eigenverantwortliches, professionelles Arbeiten und die vollständige Nutzung ihrer breiten, meist hochschulisch erworbenen Kompetenzprofile ermöglicht wird. Die Pflege wird in diesen Einrichtungen als wichtiger Innovationsmotor angesehen und mit hoher Wertschätzung durch Vorgesetzte und andere Berufsgruppen bedacht. Die medizinisch besten Krankenhäuser in Nordamerika haben meist auch den pflegerischen Magnet®-Status erworben und auch das Mount Sinai in Toronto belegt in einschlägigen Rankings stets vorderste Plätze.

Wer von Toronto aus mit dem Auto noch etwa eine Stunde nach Norden in die Kleinstadt Georgina fährt, findet dort eine auf den ersten Blick unscheinbare Praxis für die gesundheitliche Primärversorgung. Im Wartezimmer sitzen jüngere und ältere Bürger der Gemeinde, um auf ihre Untersuchung oder Behandlung, einen Impftermin oder ein neues Rezept zu warten. Das Besondere an dieser Praxis besteht darin, dass sie dort ausschließlich von besonders qualifizierten Pflegeexperten – sogenannten „Nurse Practitioners (NPs)“ – untersucht, behandelt und begleitet werden. Sie arbeiten in der Praxis mit anderen Pflegenden, Sozialarbeitern, Therapeuten eng zusammen, um dem umfassenden Bedarf der meist chronisch kranken Menschen entsprechen zu können. Zudem sind sie in ein Kooperationsnetzwerk mit ambulant tätigen Familienärzten oder auch Fachärzten in Krankenhäusern eingebunden, um z. B. kompliziertere Fälle behandeln oder im Bedarfsfall auch weiterleiten zu können. Diese autonome und verantwortliche Rolle hat sich die kanadische Pflege hart erarbeitet. Hochschulen haben spezielle Qualifikationsangebote auf Masterniveau entwickelt, Berufsverbände und Fachorganisationen und Politik haben für eine rechtliche Absicherung des anspruchsvollen Aufgaben- und Verantwortungsrahmens gesorgt und die Pflegenden selbst haben diesen Weg in die selbstständige Primärversorgung kompetent und mutig beschritten. In ländlichen und strukturschwachen Regionen Nordamerikas, in denen Arztmangel besteht und ansonsten keine Versorgungsmöglichkeiten für die Bevölkerung vorhanden sind, haben sich diese speziell ausgebildeten Pflegenden inzwischen zu einer unverzichtbaren Säule der Gesundheitsversorgung entwickelt.

Diese ersten Impressionen sollen an dieser Stelle genügen, um ein Schlaglicht auf die in anderen Ländern umgesetzten Initiativen zu werfen, die zur Beantwortung der Modernisierungsherausforderungen in der Pflege und zu deren Attraktivitätssteigerung unternommen wurden.