Kategorie Versorgungsforschung

Dr. Sandra Sülz
Routinefall oder komplexe Erkrankung: Behandlung in getrennten Krankenhäusern erhöht Qualität für Patienten

Arbeit  „Separate & Concentrate: Accounting for Patient Complexity in General Hospitals“ erhält den Eugen Münch-Preis der Kategorie Versorgungsforschung in Höhe von 20.000 Euro

Routinepatienten und komplexe Patienten – beide werden in ein und demselben Krankenhaus aufgenommen und behandelt. Doch während bei den Routinepatienten Diagnose und Therapie klar feststehen, ist die Situation bei komplexen Patienten anders. Bei ihnen steht eine umfassende Diagnostik an, Komorbiditäten müssen berücksichtigt werden, bevor eine Therapie beginnt. Die Prozesse, die diese unterschiedlichen Patientengruppen in einem Krankenhaus durchlaufen, sind grundverschieden und kaum vereinbar. Eine komplexe Herausforderung für das Management. Zunehmend wird ein theoretischer Ansatz diskutiert, die Kliniken so zu reorganisieren, dass Routinepatienten getrennt von komplexen Patienten behandelt werden. Doch der wissenschaftliche Nachweis, ob dies Vorteile bringt, fehlte bislang – und wird nun mit der prämierten Arbeit von Dr. Sandra Sülz erbracht.

Sandra Sülz, in Zusammenarbeit mit Ludwig Kuntz und Stefan Scholtes, analysierte die Daten von mehr als 250.000 Patienten, die in 60 Allgemeinkrankenhäusern behandelt wurden. Fazit: würden Routinepatienten von komplexen Patienten getrennt aufgenommen und behandelt, stiege für beide Gruppen die Qualität der Behandlung.

Untersucht wurde die Auswirkung von Volumen (die jährliche Anzahl an Behandlungsfällen eines Krankheitsbildes), Fokus (der Anteil der Patienten mit einem Krankheitsbild an allen Patienten), und Konzentration (der größte Anteil der Patienten eines Krankheitsbildes, der in der gleichen Abteilung aufgenommen wurde) auf die Mortalität. Die Betrachtung erfolgte differenziert nach Komplexität und Notfallstatus.

Die Analyse ergab, dass für Routinefälle das Volumen keinen signifikanten Einfluss auf die Mortalität hat, dagegen jedoch ein hoher Fokus eine entscheidende Rolle spielt: Routinepatienten profitieren von einer Behandlung in einem spezialisierten Krankenhaus, in dem möglichst wenig Patienten mit anderen Krankheitsbildern behandelt werden.

Bei den Patienten mit komplexen Krankheitsbildern dagegen ist ein hohes Volumen schädigend und hat höhereMortalitätsraten zur Folge. Komplexe Patienten profitieren indes von einer höheren Konzentration innerhalb eines Krankenhauses – die erreicht wird, wenn möglichst viele Patienten mit demselben Krankheitsbild  von einer Fachabteilung aufgenommen werden, anstatt sich auf viele Fachabteilungen zu verteilen.

Durch einen Separierungs- und einen Konzentrationsschritt könnten also Allgemeinkrankenhäuser das komplexe Management verbessern. Zunächst sollten die Routinepatienten in hochspezialisierten Kliniken oder Abteilungen behandelt werden, die organisatorisch vom Allgemeinkrankenhaus getrennt sind. Anschließend müssten die verbliebenen komplexen Patienten möglichst eindeutig einer Fachabteilung zugeordnet werden, die über die nötigen interdisziplinären Ressourcen verfügt. Eine Simulationsanalyse zeigt, dass so die Mortalitätsrate bei Routinepatienten um 13,4 % gesenkt werden kann, bei Nicht-Routinepatienten um bis zu 11,7%.

Die Ergebnisse sprechen für eine fundamentale Umgestaltung der Krankenhauslandschaft und sind damit für Gesundheitsgesetzgebung und Systemausgestaltung von erheblicher Relevanz.

Die Originalarbeit können Sie HIER lesen

 

Sandra Sülz

studierte Gesundheitsökonomie an der Universität Köln. Ihr anschließendes Promotionsstudium beinhaltete einen Forschungsaufenthalt an der Judge Business School der University of Cambridge. 2014 schloss sie ihre Promotion „Aufsätze zum Thema Krankenhausmanagement: Die Auswirkungen von Strategien der Abteilungsallokation und der Personalausstattung auf die Patientenergebnisse“ mit Summa Cum Laude ab. Sülz arbeitete als Wissenschaftlerin in Köln und London. Seit 2015 ist sie als Assistant Professor an der Erasmus School of Health Policy & Management in der Abteilung Health Service Management & Organisation tätig.