Weg vom Kastendenken hin zu Gesundheitsberufen der Zukunft

22. Februar 2018

Viel Bewegung herrscht derzeit im Gesundheitssystem. Dazu trägt vor allem der technische Fortschritt bei: Apps, die EKGs ableiten, Künstliche Intelligenz, die Röntgenbilder befundet, oder Roboter, die Patienten heben. Start-ups entwickeln innovative Anwendungen, die nicht an den deutschen Grenzen halt machen. Patienten vernetzen sich online, haben Zugang zu medizinischem Wissen und entwickeln eine stärkere Anspruchshaltung, sie sind aus anderen Branchen einen hohen Dienstleistungsgedanken gewöhnt, den sie zunehmend auch in der Gesundheitsversorgung erwarten. Aber auch der Trend zur Ambulantisierung, die zunehmende Vernetzung der Akteure und nicht zuletzt der demografisch bedingte drohende Mangel an Fachkräften und der Exodus der ländlichen Versorgung treiben die Branche um.

Diese Entwicklungen stellen die tradierten Berufsbilder in Frage. Das betrifft das klassische Berufsbild des Arztes und der Pflegekraft, das in der heutigen Form kaum in der Lage sein wird, mit den neuen Gegebenheiten umzugehen, wenn es nicht grundlegend adaptiert wird. Es betrifft aber vor allem auch Berufsbilder, die wir heute noch gar nicht im Einzelnen beschreiben können, die aber erforderlich sein werden, um die neuen Technologien erst richtig nutzen zu können und die wertvolle „Ressource Mensch“ gezielt da einzusetzen, wo sie Patientennutzen schafft. Doch welche Berufsbilder sind das? Welche Kompetenzen sind erforderlich, welche Ausbildung ist zielführend? Darüber diskutierten die Teilnehmer des ersten Luncheon Roundtables 2018 der Stiftung Münch.

Zu den Teilnehmern gehörten:

  • Jana Aulenkamp, Präsidentin Bundesverband der Medizinstudierenden in Deutschland
  • Prof. Andreas Beivers, Studiendekan Health Economics, Hochschule Fresenius
  • Prof. Marcus Hoffmann, Studiendekan Fachbereich Gesundheit, Duale Hochschule Baden-Württemberg
  • Prof. Achim Jockwig, Vorstandsvorsitzender Klinikum Nürnberg
  • Prof. David Matusiewicz, Direktor, Institut für Gesundes & Soziales, FOM Essen
  • Dr. Theodor Windhorst, Präsident, Ärztekammer Westfalen-Lippe

sowie von der Stiftung Münch Stephan Holzinger (Vorstandsvorsitzender), Eugen Münch (stellv. Vorstandsvorsitzender), Prof. Bernd Griewing (Vorstand), Prof. Boris Augurzky (wiss. Geschäftsführer) und Dr. Johannes Gruber (Geschäftsführer).

Einigkeit herrschte darüber, dass die Veränderungen in Bezug auf die Anpassung und Ausbildung der Gesundheitsberufe zu langsam vorangehen. Die Bedenken gegenüber neuen Berufsbildern seien gerade bei den klassischen Berufsverbänden immens; alle stünden auf der Bremse, „die Interprofessionalität sei eine Katastrophe“. Nicht ausgeschlossen, dass die Berufsverbände so intuitiv „ihr Revier“ verteidigen ohne zu bemerken oder wahrhaben zu wollen, dass die zunehmende digitale Verfügbarkeit von medizinischem Wissen zwangsläufig und letztlich unaufhaltsam die Exklusivität aller klassischen Heil- und Heilhilfsberufen bei der Therapie und Pflege von Patientinnen und Patienten in Frage stellen wird.

Die Digitalisierung werde dabei derzeit zwar einerseits in den kurzfristigen Möglichkeiten überschätzt, andererseits aber werden ihre langfristigen Auswirkungen unterschätzt. Daraus resultiere die Schwierigkeit, berufliche Qualifikationen und Fertigkeiten zu erlernen für Aufgabenstellungen, die so noch gar nicht im Einzelnen definierbar sind. Dabei sei das Thema der neuen Berufsbilder zudem mehr als „nur“ Digitalisierung“ - der große Wurf fehle insgesamt. Insbesondere die heutige Arztausbildung sei „ein kranker Mann und stamme aus einer alten Zeit“. Statt des „klaustrophobischen Kastendenkens“ sei eine Entwicklung hin zu einer Art „Medizinerausbildung 2.0“ nötig, die die künftigen Anforderungen der Digitalisierung und der Ambulantisierung der medizinischen Versorgung berücksichtigt und „Absolventen hervorbringe, die sich nicht länger als Halbgötter in Weiß“ begreifen, die sie künftig nicht mehr sein werden. Doch die bestehenden Curricula bilden dies nicht ab.

Übereinstimmung herrschte auch dahingehend, dass sich die Ansprüche sowohl der künftigen Medizinergeneration als auch der Patienten änderten. Im Fokus stünden mehr Flexibilität und Freiraum bei Arbeitszeiten und -gestaltung. Patienten forderten mehr Serviceorientierung, wie sie dies zunehmend aus anderen Branchen kennen – und erweiterten ihr Wissen durch Vernetzung untereinander oder über eigene Recherchen. Denn medizinisches Wissen ist ihnen mittlerweile zugänglich und nicht mehr „Herrschaftswissen“ der Ärzte.

Akademisierte Pflege, Arztassistenten – lösen sie den Fachkräftemangel?

Derzeit werde zu sehr nur versucht, die drohende Lücke der Versorgung durch eine Aufwertung des Pflegeberufes zu schließen, die teilweise nur einer „Pseudoaufwertung“ gleichkomme. Man gaukle den Studenten der Pflege durch das Etikett Studium und den Begriff „Bachelor“ einen akademischen Anspruch vor, den die Praxis of gar nicht erfüllen können oder wolle. So verstanden, sei die Akademisierung der Pflege keine Lösung. Eine akademisierte Pflege sei nur dann sinnvoll, wenn sie mit einer tatsächlich zunehmenden Verantwortung am Patienten einhergehe und auch die klassische Pflege der Patienten weiterhin erledigt würde. Dann helfe eine Akademisierung allerdings sehr wohl, neue Karrierepfade für die Pflege zu definieren, die wichtig seien, um den Beruf attraktiver zu gestalten. 

Ein anderer Ansatz bei der Neujustierung der klassischen Berufsfelder im Schnittfeld zwischen klassischem Arzt und klassischer Pflege ist die Etablierung des Berufsbilds der „Arztassistenzen“, der ärztliche Aufgaben übernehmen könne. Doch befürchteten einige Teilnehmer, dass damit eine Zwischenhierarchie zwischen Arzt und Pflege geschaffen werde, die zusätzlich neue Probleme schaffe, aber zu den eigentlich anstehenden Aufgaben nicht viel beitrage.

Auflösung der Grenze zwischen Medizin und Pflege – gemeinsame Ausbildung

Interessant könnte indessen die von Teilnehmern aufgeworfene Idee sein, dass Medizin und Pflege grundsätzlich gemeinsam an der Universität gelehrt werden, so dass sie sich von Anbeginn an als ein Team verstehen – dies werde zum Beispiel in Japan so praktiziert. Damit könnte ein wichtiger Grundstein dafür gelegt werden, dass nicht jede Dienstart nur für sich und ihren Tätigkeitsbereich verantwortlich ist, sondern im Gegenteil die medizinische und pflegerische Gesamtversorgung zusammengeführt wird.

In diesem Zusammenhang wurde ebenfalls die Einführung einer Art „Spiegelfakultät“ für ambulante Medizin an den Hochschulen diskutiert. Dabei würden Lehrstühle für ambulante Medizin mit Fokus auf Versorgungsforschung entstehen, die eigene Professoren und Personal haben – und parallel zur bestehenden medizinischen Fakultät bestehen. Auch Eigenberufungen sollten dabei ermöglicht werden. Damit könnte eine größere Praxisnähe der Ausbildung erreicht werden und die Mediziner würden besser auf die besondere Situation der ambulanten Versorgung vorbereitet, die an Bedeutung gewinnen wird.

Umgang mit Big Data, Apps und Co: Mehr IT-Mediziner braucht das Land

Mindestens ebenso wichtig wie die Justierung der klassischen Medizinberufe sei es, Themen rund um Digitalisierung zügig in den Lehrplan aufzunehmen. Insbesondere medizinische Informatiker sind zunehmend gefragt. Doch auch Studierende, die künftig mit der Patientenversorgung betreut sind,     müssen sich mit Digitalisierung auskennen. „Wer heute die einschlägigen IT-Anwendungen nicht beherrscht, ist ein Analphabet“, spitzte es ein Teilnehmer zu. Auch müsse der Umgang mit großen Datenmengen gelehrt werden – und der richtige Umgang mit Künstlicher Intelligenz: „Wir brauchen zum Beispiel Experten, die wissen, wie wir die Maschinen richtig füttern und die Ergebnisse der Maschinen mindestens noch plausibilisieren können“.

Durch die Schnelligkeit der Veränderungen werde es zudem immer wichtiger, sich regelmäßig weiterzubilden. Denn schon beim Abschluss des Medizinstudiums sei bereits viel Gelerntes wieder veraltet. „Weiterbildung muss der Normalzustand werden“, formulierte es ein Teilnehmer. In der Sprache der IT: Es gehe nicht darum, einmal das „System“ zum Laufen zu bringen, sondern es seien vielmehr regelmäßige Updates nötig – also lebenslanges Lernen.

Da alle Teilnehmer einig waren, dass zwar ein Neudenken und eine Neuausrichtung nötig seien, diese jedoch oft auf heftigen Widerstand der Berufsverbände stoßen und an Standesbedenken scheitern, wurde die Frage gestellt, ob die Selbstverwaltung überhaupt noch der richtige Ordnungsrahmen sei, um die anstehenden Änderungen meistern zu können. Denn es sei „ein großer Wurf“ nötig – der so nicht gelingen könne.