Robotik in der Pflege: Roboter als Werkzeug, Koevolution von Lehre und Forschung und mehr Zweck- und Nutzenorientierung bei der Entwicklung

Oktober 2018

Immer mehr Pflegebedürftige, immer weniger Pflegende – liegt die Lösung des Problems in der gezielten Unterstützung durch Roboter? Ist diese Unterstützung gewünscht, wie kann die Akzeptanz für Robotik erhöht werden? Darüber diskutierten die Teilnehmer des vierten Luncheon Roundtables der Stiftung Münch.

Zu den Teilnehmern gehörten:

  • Simon Eggert, Stiftung Zentrum für Qualität und Pflege
  • Prof. Daniel Flemming, Katholische Stiftungshochschule München
  • Prof. Sami Haddadin, Lehrstuhl für Roboterwissenschaften und Systemintelligenz, TU München
  • Prof. Manfred Hülsken-Giesler, Hochschule Vallendar, Lehrstuhl für Gemeindenahe Pflege
  • Prof. Barbara Klein, Frankfurt University of Applied Sciences
  • Prof. Jens Lüssem, Fachhochschule Kiel, Fachbereich Informatik und Elektrotechnik
  • Maxie Lutze, VDI/VDE Innovation + Technik GmbH, Projektträger für das Bundesministerium für Bildung und Forschung
    Mensch-Technik-Interaktion
  • Prof. Hartmut Remmers, Institut für Gesundheitsforschung und Bildung (IGB)
  • Dr. Cyrill von Tiesenhausen, Division Healthcare, KUKA
  • Dr. Rainer Wieching, Wirtschaftsinformatik und Neue Medien, Universität Siegen

sowie von der Stiftung Münch Stephan Holzinger (Vorstandsvorsitzender), Professor Bernd Griewing (Vorstand), Professor Boris Augurzky (wiss. Geschäftsführer), Dr. Johannes Gruber (Geschäftsführer) und Annette Kennel.

Immer mehr Menschen benötigen Pflege – zu Hause, in Krankenhäusern und in Seniorenheimen. Doch es gibt zu wenige Pflegende und angesichts der demografischen Entwicklung wird sich dieses Problem absehbar weiter verschärfen. Der Begriff „Pflegenotstand“ ist überall zu hören und mittlerweile gibt es zahlreiche Versuche von Politik und Unternehmen, um Abhilfe zu schaffen. Vor allem soll der Beruf attraktiver werden, um mehr Menschen dafür zu gewinnen – und auch darin zu halten. Denn bereits während des dritten Ausbildungsjahres denkt ein Großteil darüber nach, den Beruf wieder zu verlassen, wie ein Teilnehmer der Diskussionsrunde berichtete. Viele setzen dieses Vorhaben später aufgrund hoher psychischer und vor allem körperlicher Belastung schließlich in die Tat um. Die Lösung, Pflegekräfte aus anderen Ländern anzuwerben, ist jedoch zu kurz gegriffen, zeigten sich einige Diskussionsteilnehmer überzeugt. Zum einen seien ausländische Pflegekräfte oft enttäuscht, sobald sie erkennen, in Deutschland weniger Verantwortung im Beruf zu haben als in ihrem Heimatland. Zum anderen scheitere auch ihre Integration häufig.

Der Einsatz von Robotern wäre ein innovativer und vielversprechender Ansatz: Pflegekräfte könnten unterstützt und entlastet werden. Patienten bekämen Hilfe, die nicht zuletzt in vielen Fällen das selbstbestimmte Leben in der gewohnten Umgebung länger möglich machen kann. Und auch die große Zahl der pflegenden Angehörigen – die als Laien diese Aufgabe übernehmen – könnten profitieren.

Würde die Unterstützung durch Roboter akzeptiert werden?

Unterschiedliche Studien zur Akzeptanz – sowohl bei Pflegenden selbst als auch bei den Patienten und Senioren – kommen zu teils unterschiedlichen Ergebnissen. „Das kann man nur mit einem Wort zusammenfassen: Ambivalenz“, so ein Teilnehmer. Unter Pflegenden wird die Befürchtung geäußert, von einer Maschine ersetzt zu werden, wobei gleichzeitig die Hoffnung auf Unterstützung besteht. In der Bevölkerung hört man die Sorge vor einer „unmenschlichen“ Betreuung. Dabei, so betonte ein Diskutant, solle durch den Einsatz von Robotern kein Mensch ersetzt werden – sondern durch deren Unterstützung die Menschen gezielt dort eingesetzt werden, wo sie unverzichtbar sind.

Der Roboter als Werkzeug

Um die Akzeptanz zu erhöhen, sei es von entscheidender Bedeutung, Roboter als das darzustellen, was sie sind: Werkzeuge. „Kein Handwerker befürchtet, von einem Schraubenzieher ersetzt zu werden“, formulierte es ein Teilnehmer. Werkzeuge dienten dazu, dass Menschen ihre Arbeit besser und effektiver erledigen können und sie ermöglichen neue Berufsbilder und Prozesse. Begreift man Roboter als Werkzeug, wird klar, dass ihr Einsatz unter anderem zu einer Aufwertung des Pflegeberufes führen kann.

Ein Teilnehmer berichtete, dass junge Pflegende durchaus aufgeschlossen gegenüber robotischen Lösungen seien – wenn sie diese erfahren und ausprobieren können. Deshalb sei es wichtig, den Zugang zu Robotik in der Lehre, in den Krankenhäusern und in den Unternehmen zu ermöglichen. Doch das ist nicht einfach: denn bisher sind nur wenige robotische Systeme im Einsatz und diese sind zudem teuer. „Man kann ja nicht alles, was es gibt, kaufen, um es in die Lehre einzubeziehen“, so ein Teilnehmer. Die Lösung sah ein Diskutant in einer „Koevolution“: konkrete Forschung und Einbau in die Lehre müssen zwingend parallel stattfinden. 

Generell müssten neue Technologien dringend mehr in die Lehre eingebunden werden. „Diesbezüglich ist die heutige Ausbildung grenzwertig. Meist bringen die Studenten schon mehr technisches Wissen mit, als ihnen vermittelt wird“, so ein Teilnehmer, „Wir brauchen Kenntnisse, die über Excel hinausgehen.“ Auch müsse nachgedacht werden, welche neuen Berufsbilder und Qualifikationen künftig benötigt würden. So müssten zum Beispiel Roboter gewartet werden; ihr Einsatz könne Arbeitsabläufe verändern, so dass neue Aufgaben entstünden.

Nutzengetriebene Forschung und Entwicklung: Holistischer Ansatz gefordert

Ein weiterer wichtiger Schritt hin zu mehr Akzeptanz wäre nach Auffassung der Diskussionsteilnehmer eine zweckgetriebene Entwicklung, bei der der Nutzen im Vordergrund steht. Bisher wurde Technologie entwickelt und anschließend getestet. Besser wäre ein holistischer Ansatz: „Wir müssen ganz früh überlegen, was das, was wir entwickeln, tun kann und soll“, forderte ein Teilnehmer. Dieser Weg würde derzeit zunehmend in der Wissenschaft stattfinden, weg vom „Forschen um des Forschens Willen“ hin zu einer mehr nutzerorientierten Forschung und Entwicklung. Weitere Teilnehmer betonten, dass es wichtig sei, nicht nur theoretische Überlegungen anzustellen, sondern auszuprobieren: „Allein wissenschaftliche Arbeiten führen nicht weiter, man braucht Erfahrung. Der Weg vom Schreibtisch in die Praxis muss gemacht werden.“ „Pragmatismus und Vision müssen eng miteinander Hand in Hand gehen“, fasst ein weiterer Teilnehmer der Runde zusammen. Dabei könnte die Pflege eine wichtige Rolle einnehmen – ob ihres Wissens, was ihnen helfen kann und ob ihres Wissens um die Bedürfnisse der Patienten.

Wie kommen robotische Systeme in die Unternehmen?

In den meisten Unternehmen wie Pflegeheimen oder Kliniken stehen nach wie vor nur selten robotische Assistenzen zur Verfügung. Oft werden die hohen Kosten dafür aufgeführt. Wie können also Unternehmen motiviert werden, die Investitionen zu tätigen? Problematisch zu bewerten sei die im Pflegepersonalstärkungsgesetz vorgesehene Herauslösung der Pflegepersonalkosten aus dem DRG-System. Damit bestehe für die Kliniken keine Notwenigkeit mehr, in teure Pflegeassistenz zu investieren. „Dann stellen sie lieber Pflegefachkräfte ein, die alles selbst machen, weil das für die Unternehmen dann keine Kosten verursacht“, warnte ein Diskutant.

Eine weitere Motivation für Investitionen könnte in einer nachweislich verbesserten Pflegequalität liegen. Doch diese wird in Deutschland nicht gemessen, es existieren keine Indikatoren. Auch über Effizienz würde in der Pflege nicht gesprochen – was ebenfalls zu einer geringen Motivation zu Investitionen beitrage. „Das darf kein Tabu mehr sein“, forderte ein Diskutant. Ein Teilnehmer merkte jedoch an, dass Unternehmen schon allein dadurch zu Investitionen motiviert sein müssten, weil sie nach Fachkräften in einem Mangelberuf suchen.

Auch eine Festlegung von konkreten Tätigkeitsprofilen der Pflegenden wäre erforderlich. Dabei könnte gezielt danach gefragt werden, wie die einzelnen Tätigkeiten verrichtet werden – insbesondere auch mit Hilfe von Technik. Wichtig sei dabei, Soll-Vorgaben zu erarbeiten und nicht lediglich den Ist-Zustand niederzuschreiben. „In dem Punkt ist Deutschland ein Entwicklungsland“, monierte ein Diskutant.

„Die Lösung kann nicht sein, dass wir nichts tun“

Die Digitalisierung sei mittlerweile in Deutschland als Thema angekommen, Robotikassistenz jedoch nicht, resümierte ein Diskutant. Es fehle eine übergreifende Strategie, wie sie zum Beispiel in Japan existiert. Deutschland ist laut einer aktuellen Studie eines der Länder mit der höchsten Innovationskraft. Doch als Ingenieursnation würden derzeit in Deutschland die Marktchancen der Robotik nicht erkannt. Andere Länder, insbesondere Japan und China, liegen weit vorne. Es sei dringend ein Plan und Handeln erforderlich – in einem realistischen Zeitrahmen von fünf bis zehn Jahren. Ein Teilnehmer warnte: „Die Lösung kann nicht sein, dass wir nichts tun!“.

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